Sonntag, 24. Juni 2024
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„Es gab keinen Tag ohne Alkohol“

Der Ahauser Peter S. berichtet über sein Leben mit der Sucht – und wie ihm die Ambulante Rehabilitation Abhängigkeitskranker den Weg daraus wies. Foto: Christian Bödding

Drei Liter Bier und zwei Flaschen Whisky an einem Abend. Das machte bei dem Ahauser Peter S. (*) 3,74 Promille. Höchste Zeit für eine Entgiftung und eine Therapie. Über die Zeit davor und danach spricht er offen. Geholfen hat ihm dabei die Ambulante Rehabilitation Abhängigkeitskranker. Es handelt sich um ein Angebot der Suchtberatungsstelle im Caritasverband Ahaus-Vreden.

Erster Kontakt mit Alkohol mit 14 Jahren

Mit 14 Jahren trank Peter S., aufgewachsen in der früheren DDR, das erste Mal Alkohol. „Testweise. In einer Diskothek.“ Das Bier bestellte ein 16-Jähriger für ihn. Im Elternhaus gab es auch Bier, „aber nur sporadisch. Mir hat in der Familie keiner Alkoholkonsum vorgelebt.“ Mit 16 begann Peter S. eine Ausbildung als Betriebsschlosser und konnte sich seinen Alkohol finanzieren. Den brauchte er damals vor allem, so erklärt er es heute, um seine pubertäre Schüchternheit und seine Minderwertigkeitskomplexe abzulegen. „Alle hatten eine Freundin. Ich nicht. Nüchtern habe ich mich nicht getraut, ein Mädchen anzusprechen.“ Die „große Klappe“ kam immer erst mit dem Alkohol. Wann genau er seinen ersten Vollrausch hatte, daran kann sich Peter S. nicht mehr erinnern. „Ich habe mich am nächsten Tag schlecht gefühlt. Aber ich brauchte den Alkohol, um eine Lockerheit zu haben.“

Anfangs nur Bier, später auch härtere Sachen

Anfangs sei es eine „Biergeschichte“ gewesen, erklärt der heute über 60-Jährige sein Konsumverhalten in seiner Jugendzeit. Doch nach der Lehre ging es härter zur Sache. Die Arbeitskollegen seien im Schnitt um die 30 Jahre alt gewesen. „Während der Arbeitszeit wurde immer getrunken. Alles, was im Osten verboten war, wurde erst recht gemacht.“ Schnaps sei im Betrieb immer greifbar gewesen. „Es gab sporadisch Taschenkontrollen. Wir hatten einen Spezi, der schmuggelte das in großen Taschen mit rein und verkaufte es mit Aufschlag weiter.“ 0,7 Liter Goldbrand (Weinbrand) gab es für 16 Ostmark (statt 14,50). Ein Grund zum Trinken fand sich immer. Mal war es ein Geburtstag, mal ging ein Kollege in Urlaub…

Nach der Spätschicht noch in die Kneipe

Wenn es im Betrieb mal nicht genug gab, dann ging Peter S. nach der Spätschicht um 22 Uhr noch in die Kneipe. „Das war wie bei der Tour de France. Alle wollten so schnell wie möglich ins Ziel, denn um 23 Uhr wurde der Hahn hochgedreht.“ Getrunken wurde ohne Bestellung. Die Bedienung ging von Tisch zu Tisch und sorgte ungefragt für Getränkenachschub. „Das war Druckbetankung.“ Sechs Halbe und sechs Korn in einer Stunde waren keine Seltenheit.

Erster Entzug war nicht von langer Dauer

Als Peter S. seine erste Frau kennenlernte, begann eine Phase, in der er sich am Riemen riss. Aber nur kurz. „Getrunken habe ich eigentlich immer. Es gab keinen Tag ohne Alkohol.“ Doch Peter S. zog die Reißleine und ließ sich freiwillig in eine Klinik in Teupitz einweisen. „Die war bekannt. Wenn da einer hinging, hieß es, der hat einen an der Klatsche. Von Alkohol war offiziell nie die Rede.“ Nicht lange nach dem Klinikaufenthalt fing Peter S. wieder an, Alkohol zu trinken. „Es ging nicht ohne.“ Für seine Frau ein Trennungsgrund. Ein letztes Mal versuchte Peter S. noch, seine Ehe zu retten. Er stimmte einem Arzttermin zu. „Aber nach dem Gespräch war die Sache für mich erledigt.“ Für seine Frau auch. Sie beantragte die Scheidung. In der schriftlichen Urteilsbegründung heißt es, dass die Ehe auf Grund des Alkoholkonsums des Mannes geschieden wird. Peter S. zitiert: „Die Ehe bringt der sozialistischen Gesellschaft keinen Nutzen mehr.“ Darüber könne man heute lachen. „Damals nicht.“

Neuer Job, alte Probleme

Dann kam der Mauerfall, 1989. Die Wende. Peter S. fing in Westberlin einen neuen Job an. Doch die Probleme blieben die alten. Auch dort wurde auf der Arbeit getrunken. Sogar offiziell. „Erst 1991 wurde der Verkauf von Bier in der Kantine eingestellt.“ Bis dahin galt: Wenn ein Kollege angeschlagen war, wurde er vom Vorgesetzten ins Büro geholt. Man nahm ihm den Autoschlüssel ab, bestellte ihm ein Taxi und schickte ihn in den Feierabend. Peter S. musste also ohne Alkohol während der Arbeitszeit auskommen. Dafür genoss er nach Feierabend die Vielfalt der westlichen Spirituosen-Auswahl. Mengenmäßig sah das so aus: von zwei Flaschen Schnaps im Kofferraum trank er eine Flasche schon auf dem Weg vom Parkplatz zur Wohnung. Eines Abends ging es ihm so schlecht, dass er seinen Hausarzt aufsuchte. „Der sah genau, was mit mir los war. Er hat es auch gerochen.“

Auch der zweite Entzug war nicht erfolgreich

Die Zeit war reif für seine zweite Entgiftung und seinen zweiten Klinikaufenthalt. „Meine Gedanken kreisten nur darum, was mit meinem Job ist. Kein Job, kein Geld. Ich brauchte doch Geld für Alkohol.“ Peter S. informierte seinen Arbeitgeber über seine Therapie. Sein Chef gab ihm die Zusicherung, dass das Arbeitsverhältnis weiterbestehe. Peter S. war nach dem Entzug einige Wochen lang trocken, besuchte eine Selbsthilfegruppe. „In der siebten Woche ging ich wieder in den Supermarkt und kaufte eine Flasche Schnaps.“ Die nächste Therapie folgte, die nächste Selbsthilfegruppe ebenso.

Bis 2013 trockener Alkoholiker

Im Jahr 2000 zog Peter S. nach Nordrhein-Westfalen. Bis 2013 war er trockener Alkoholiker. Dann ging es wieder los. In seinem Job als Produktionsleiter hatte er so viel Druck, „da hat es in meinem Kopf Peng gemacht“. Peter S. kaufte einen Sechser-Träger alkoholfreies Bier. Einen „Haufen Verantwortung“ wollte er darin ertränken. „Ich war der Typ, der alles selber machen muss, weil es kein anderer so hinkriegt, wie ich es haben will.“ Nachts konnte er nicht mehr schlafen, weil er nur noch an die Arbeit des nächsten Tages dachte. Kopfkino. „Das muss noch und das muss noch und das muss noch.“ Doch das alkoholfreie Bier half ihm nicht als Problemlöser. Peter S. wechselte zu Rotwein. Zu der Zeit lernte er auch seine heutige Frau kennen. Wenn er sie an den Wochenenden traf, schränkte er seinen Konsum ein. „Unter der Woche habe ich pro Abend mindestens zwei Flaschen getrunken.“

Beim Arzttermin mit 3,4 Promille

2014 zog Peter S. nach Ahaus. Der Stress im Beruf nahm zu, der Alkoholkonsum ebenso.  Alle zwei Tage kaufte er einen Karton Rotwein, trank also mindestens drei Flaschen pro Tag. „Kaufen war nicht so das Problem. Im Getränkemarkt hatten die für mich den Rotwein immer schon bestellt.“ Die unauffällige Entsorgung der leeren Flaschen war schwieriger. Peter S. fuhr in Ahaus und den Ortsteilen deshalb regelmäßig verschiedene Leergutcontainer an. Bis 2018 ging das so mit dem Konsum auch hochprozentiger Getränke. „Bis ich nicht mehr konnte.“ In Begleitung seiner Frau ging er zu seinem Hausarzt. „Beim Arzttermin hatte ich 3,4 Promille.“ Zwei Wochen verbrachte er in einem Krankenhaus in Gronau. „Zwei Wochen in der Geschlossenen Abteilung. Keiner ist an mich rangekommen. Ich hatte meine Ruhe.“

Therapie half bei der Stabilisierung

Es folgte eine Langzeitentgiftung in Hörstel und anschließend eine Ambulante Rehabilitation bei der Suchtberatungsstelle des Caritasverbandes Ahaus-Vreden. Anfangs war er zweimal die Woche im Haus der Beratung an der Wüllener Straße 80 in Ahaus. Eineinhalb Jahre nahm er an Einzelgesprächen und Gruppengesprächen teil. Hier fühlte sich Peter S. verstanden. „Wenn ich von meiner Sucht erzählt habe, wussten alle, was gemeint ist.“ Mit Hilfe der Therapie konnte Peter S. sich stabilisieren und lernen, wieder abstinent zu leben. „Ich habe hier einen Prozess durchlaufen, der mich entschleunigt hat.“ Auch im Job wurde es ruhiger. Aus seiner Tätigkeit als Leiharbeiter wurde eine feste Übernahme.

Gruppe bringt tragfähige Beziehungen zutage

Die gemeinsame Zeit in einer Gruppe, wo Gefühle geteilt werden und sowohl schöne als auch schwierige Lebensphasen thematisiert werden, schweißt zusammen. Hier entstehen tragfähige Beziehungen, die manchmal auch über die Zeit der Ambulanten Reha hinaus Bestand haben. So pflegt Peter S. heute noch Kontakte zu den Menschen, die er in der der Ambulanten Rehabilitation in der Suchtberatungsstelle kennen gelernt hat: „Falls ich mal jemanden zum Reden brauche, kann ich da einfach hinfahren: ich trinke einen Kaffee, quatsche und dann geht es mir besser.“ Er meidet Veranstaltungen, auf denen viel Alkohol konsumiert wird. Er geht dem Alkohol aus dem Weg. Peter S. besucht heute regelmäßig die Gruppenstunden einer Selbsthilfegruppe. Er geht offen mit seiner früheren Alkoholsucht um. Auch dabei hat ihm die Ambulante Rehabilitation geholfen. Reden hilft. Peter S. weiß ganz genau, wovon er spricht.

(*) Name dem Autor bekannt.

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