Samstag, 24. April 2024
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St. Martin: Umzüge statt Heischegang

Beim Heischegang wie hier um 1930 in Borgholzhausen sangen die Kinder zu St. Martin vor den Häusern ein Lied und erhielten dafür Äpfel, Nüsse oder Süßigkeiten. Dieser Brauch wurde seit der Wende zum 20. Jahrhundert zunehmend als störend empfunden. Foto: LWL-Alltagskulturarchiv
Beim Heischegang wie hier um 1930 in Borgholzhausen sangen die Kinder zu St. Martin vor den Häusern ein Lied und erhielten dafür Äpfel, Nüsse oder Süßigkeiten. Dieser Brauch wurde seit der Wende zum 20. Jahrhundert zunehmend als störend empfunden. Foto: LWL-Alltagskulturarchiv

In diesen Tagen ziehen wieder viele Kinder mit ihren Laternen durch die Straßen. Diese Sankt Martin-Umzüge rund um den 11. November gehen auf den Todestag von Martin, des dritten Bischofs von Tours (gestorben 397) zurück. Laut Überlieferung soll er als Soldat mit einem Bettler seinen Mantel geteilt haben und erlangte daher seine Bekanntheit. Wie der Brauch der Martins-Umzüge nach Westfalen kam, wissen die Alltagskulturforscherinnen und -forscher des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL).

Heischebrauch in Westfalen

„Dass der 11. November mit so vielen Ritualen verbunden war, liegt vor allem an seiner Stellung im Jahreslauf. Nach Abschluss der Erntearbeiten bot sich der Termin für einen Gesindewechsel an“, erklärt Christiane Cantauw, Geschäftsführerin der Kommission Alltagskulturforschung für Westfalen beim LWL. „Auch waren Mitte November vielerorts Pacht- und Rentenzahlungen fällig. Wie an anderen Tagen im Jahr auch verband sich in Westfalen mit diesem Termin ein Heischebrauch, bei dem Gruppen von Kindern von Tür zu Tür gingen, ein Lied sangen und dafür von den Hausbewohnerinnen und -bewohnern als Gegengabe Äpfel, Nüsse oder andere Lebensmittel erhielten.“

„Ins Gräßliche und Unangenehme ausgeartet“

Das als Gewohnheitsrecht geltende Heischen stieß aber seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zunehmend auf Kritik. In einem Leserbrief in der Westfälischen Zeitung vom 15. November 1902 beklagt sich ein anonymer Abonnent darüber, dass „der einst schöne Brauch des Martinsheischens ins Gräßliche und Unangenehme ausgeartet“ sei. Die Schuljugend unterstreiche ihre Forderungen durch „Johlerei und Schreierei“. Letztlich gebe man ihnen das Gewünschte, „um die wilde Horde nur loszuwerden“. Bereits ein Jahr zuvor hatte es in der Schwerter Zeitung vom 11. November 1901 geheißen, die „lachende Harmlosigkeit“ beim Heischen am Martinstag sei in „Übermut und direkte Belästigung“ ausgeartet.

Heischebrauch fand später fast nur noch im anonymen Kontext statt

Kritik am Heischebrauch übten vor allem Geschäftsinhaber in kleineren und größeren Städten, die sich der selbstbewusst auftretenden Schuljugend zunehmend schlecht erwehren konnten. Als ein Ergebnis der ungeheuren Bevölkerungszunahme, der Hochindustrialisierung und der Verstädterung hatten soziale Bindungen auch in den kleineren Städten abgenommen. Zwischen 1871 und 1910 wuchs die Bevölkerung in Deutschland von 41 auf 65 Millionen. Um 1900 lebten nur noch rund 50 Prozent der Menschen auf dem Land, 21,3 Prozent dagegen in Großstädten mit über 100.000 Einwohnern. Das für den Heischebrauch verbindliche Geben und Nehmen fand nun meist in einem anonymen Kontext statt und nicht mehr in einem von gutnachbarschaftlichem Verhältnis geprägten Umfeld.

Umzüge ersetzen Heischegänge

„Abhilfe schuf letztlich eine grundlegend veränderte Brauchpraxis, die im Rheinland bereits üblich war: Organisierte Fackelzüge wurden an die Stelle der Heischegänge gesetzt“, so Cantauw. „Die den Kindern bekannten Martinslieder konnten in diese neue Form problemlos eingepasst werden. Sie wurden nun nicht mehr vor den Türen, sondern – begleitet von Musikkapellen – während des Umzugs gesungen.“ Ein solcher Martinsumzug hatte erstmals 1894 in Düsseldorf stattgefunden. Der erste westfälische St. Martinszug wurde 1910 in Bocholt veranstaltet. Weitere Städte und Gemeinden zunächst im Rheinland, aber zunehmend auch in Westfalen-Lippe folgten.

Umzüge „von Lehrpersonen geleitet“

Initiiert wurden die Umzüge oft von Lehrerinnen und Lehrern sowie Eltern, teils auch von Pfarrgeistlichen, wie aus Berichten für das Archiv für westfälische Volkskunde (heute Alltagskulturarchiv) hervorgeht: So heißt es 1958 aus Atteln (heute Stadtteil von Lichtenau/Kreis Paderborn), dass der Martinszug „von Lehrpersonen geleitet“ werde und aus Eggerode (heute Ortsteil von Schöppingen/Kreis Borken), dass sich „weibliche Lehrpersonen“ der Sache angenommen hätten. In Dortmund war es die Hausfrau Käthe Kaufhold, die 1924 für ihre Kinder einen Martinszug im eigenen Garten an der Weddigenstraße 11 in der Dortmunder Gartenstadt ausrichtete. Im Jahr darauf war das Interesse an dem Umzug bereits so groß, dass Kaufhold mit den Kindern auf die umliegenden Straßen auswich.

Martinsumzüge waren im Rheinland eher bekannt

Ebenso wie Kaufhold waren es vielfach Zugezogene aus dem Rheinland, die den Umzugsbrauch in Westfalen bekannt machten. So führte in Bork (heute ein Stadtteil von Selm/Kreis Unna) der aus dem Rheinland stammende Amtsbaumeister Glaser 1924 den Martinsumzug ein und in Westerholt (heute ein Stadtteil von Herten/Kreis Recklinghausen) war es ein neuer Kaplan, der vom Niederrhein stammte und um 1950 herum den Brauch bekannt machte. 

NS-Organisationen nutzten Umzüge für sich

Die Publikumswirksamkeit der Martinsumzüge weckte bald auch andere Begehrlichkeiten: Für Bork (Kreis Unna), Brilon (Hochsauerlandkreis) oder Niederschelderhütte (Kreis Siegen-Wittgenstein) lässt sich beispielsweise belegen, dass sich auch die Hitlerjugend oder die NS-Organisation Kraft durch Freude an dem Umzugsbrauch beteiligten und diesen für ihre Interessen in den Dienst nahmen. So heißt es in der Lokalpresse für Bork 1936: „Die Borker Martinsgesellschaft wird auch in diesem Jahr Hand in Hand mit der NS-Gemeinschaft ‚Kraft durch Freude‘ alles aufbieten, um dem Martinsfest den gewünschten Erfolg zu sichern.“

Sammlungen für die NS-Volkswohlfahrt

Im Laufe von zwölf Jahren hatte sich der Kinder-Brauch in Bork zu einem Event entwickelt, das auch für die Bevölkerung von Interesse war. Lokale nationalsozialistische Gruppen und Vereinigungen nutzten das, um Sammlungen für das Winterhilfswerk und die NS-Volkswohlfahrt durchzuführen, und durch die Verwendung von NS-Symbolen auf den Laternen beim Umzug auf sich aufmerksam zu machen. Besonders interessant für die politischen Akteure waren Veranstaltungen mit großer Breitenwirkung, über die gegebenenfalls auch live im Radio berichtet wurde, so wie über den Martinszug 1935 in Brilon. Dort trugen viele Kinder Laternen aus Runkelrüben, in die Runen geschnitzt waren. Die schönsten Runkellaternen wurden am Ende der Veranstaltung prämiert.

Vom Fest der Kinder zum Fest für Kinder

„Derartige Vereinnahmungen führten bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dazu, dass das Martinsfest von einem Fest der Kinder zu einem Fest für Kinder wurde“, so Cantauw. „Die ungeregelten Heischegänge machten einem zunehmend durchgetakteten, professionell organisierten städtisch-bürgerlichen Event Platz, das sich mit bereits bekannten Brauchelementen – etwa Umzug, Laternen, Martinsliedern, szenischer Darstellung – in die jahreszeitliche Festkultur einfügte.“

Gebäcke wie die St.-Martins-Brezel, St.-Martins-Gänse oder Stutenkerle/Weckmänner gehören vielerorts zum Martinstag dazu. Foto: LWL-Alltagskulturarchiv/ Bauer
Gebäcke wie die St.-Martins-Brezel, St.-Martins-Gänse oder Stutenkerle/Weckmänner gehören vielerorts zum Martinstag dazu. Foto: LWL-Alltagskulturarchiv/ Bauer

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