Donnerstag, 24. Juni 2024
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Wohnungsgipfel im Kulturquadrat

Landrat Dr. Kai Zwicker (2. v. r.) und die Ahauser Bürgermeisterin Karola Voß als Hausherrin (rechts) dankten NRW-Bauministerin Ina Scharrenbach (2. v. l.) für die Teilnahme an dem Wohnungsgipfel, links Moderator Dr. Fritz Jaeckel, Hauptgeschäftsführer der IHK Nord Westfalen.
Landrat Dr. Kai Zwicker (2. v. r.) und die Ahauser Bürgermeisterin Karola Voß als Hausherrin (rechts) dankten NRW-Bauministerin Ina Scharrenbach (2. v. l.) für die Teilnahme an dem Wohnungsgipfel, links Moderator Dr. Fritz Jaeckel, Hauptgeschäftsführer der IHK Nord Westfalen.

„Wie können wir den Wohnungsmarkt im Westmünsterland zukunftsfähig gestalten?“ Diese Frage stand im Mittelpunkt des 1. Wohnungsgipfels im Kreis Borken, der jetzt im Ahauser „Kulturquadrat“ stattgefunden hat. Eingeladen zu dieser Tagung hatten der Kreis Borken und seine 17 kreisangehörigen Städte und Gemeinden.

150 Gäste vor Ort – 50 weitere per Zoom zugeschaltet

Drei Vorträge und eine Podiumsdiskussion sorgten für reichlich Input bei den rund 150 Gästen in der Halle sowie bei den knapp 50 per Zoom zugeschalteten Teilnehmerinnen und Teilnehmern – allesamt hiesige Fachleute aus dem Bau- und Immobiliensektor und der Kreditwirtschaft sowie Vertreterinnen und Vertreter der Kommunen und des Kreises. Mit ganz besonderem Interesse folgten sie dabei den Ausführungen von NRW-Bauministerin Ina Scharrenbach, die vom Bund verlässliche rechtliche Rahmenbedingungen ohne ständige Änderungen – was sie für ihr eigenes Ministerium ausdrücklich zusicherte – und eine effiziente öffentliche Förderung für den Neubau einforderte. Die Moderation der Veranstaltung hatte der Hauptgeschäftsführer der IHK Nord Westfalen, Dr. Fritz Jaeckel, übernommen.

Heimischer Wohnungsmarkt ist äußerst angespannt

Die Schaffung von ausreichend bezahlbarem Wohnraum sei auch im Westmünsterland von großer Bedeutung, unterstrich Landrat Dr. Kai Zwicker bei der Begrüßung. „Wenngleich sich die Situation bei uns im Kreis von Ort zu Ort durchaus unterschiedlich darstellt, ist der heimische Wohnungsmarkt seit geraumer Zeit – nicht zuletzt auch durch den Zuzug von Flüchtlingen – äußerst angespannt“, konstatierte er. Dies gelte sowohl mit Blick auf die Bildung von Wohneigentum als auch auf den Mietwohnungsmarkt. „In unserem im Frühjahr vom Borkener Kreistag einstimmig verabschiedeten Kreisentwicklungsprogramm, dem ‚Kompass 2035‘, haben wir daher als eine der maßgeblichen Zielsetzungen festgeschrieben, ‚zukunftsfähiges Wohnen im Kreisgebiet‘ zu unterstützen. Hierzu wolle der Wohnungsgipfel einen Beitrag leisten“, so der Landrat weiter.

Flächennutzung sowie Beschaffung und Erhalt von Wohnraum in Zuständigkeit der Kommunen

Eine ganz wichtige Rolle komme in diesem Themenfeld den Städten und Gemeinden zu, machte die Ahauser Bürgermeisterin Karola Voß als Hausherrin in ihrem Grußwort deutlich. So liege die Zuständigkeit für Flächennutzungen sowie Beschaffung und Erhalt von Wohnraum vor allem bei den Kommunen. „Da die rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sowie die lokalen Gegebenheiten allerdings komplex sind, wollen wir hier nun mit Experten unterschiedlichster Bereiche mögliche Handlungsansätze zur Schaffung von Wohnraum erörtern“, unterstrich Karola Voß.

4.150 Wohnungen fehlen im Kreis Borken

Über seine aktuelle Analyse des Wohnungsmarktes im Kreis Borken referierte anschließend Matthias Günther vom Eduard Pestel Institut Hannover. Danach fehlen im Kreis Borken derzeit rund 4.150 Wohnungen und damit rund 1.500 mehr als noch vor fünf Jahren. Das führe einerseits zu Überlegungen hinsichtlich neuer, im Westmünsterland nicht unbedingt üblicher Wohnformen wie Wohngemeinschaften, andererseits würden auch „die Kinder länger im Elternhaus bleiben“.

Weitere bauliche Verdichtung notwendig

In Sachen „Stadtplanung heute und in Zukunft“ berichtete der Ahauser Architekt Heiner Farwick von farwick + grote Architekten BDA Stadtplaner über „Neue Urbanität – Wohnen in Klein- und Mittelstädten“. Die Wohnbedürfnisse von Singles und Senioren, aber auch von Familien „jenseits des Einfamilienhauses“ gelte es in den Blick zu nehmen. Natürlich sei auch eine weitere bauliche Verdichtung des Innenbereichs erforderlich, allerdings gelte es hierfür hohe Akzeptanz in der Bevölkerung zu schaffen. Diese sei möglich, wenn sich die dort geplanten Bauvorhaben architektonisch in die Umgebung einpassen, vor allem auch Begegnungsräume und Freiflächen vorsähen. Entsprechende Beispiele präsentierte er dann auf der Leinwand.

Aktives Bodenmanagement, innovative Ideen

Wo in der Praxis „der Schuh drückt“, zeigte Thomas Hammwöhner, Technischer Beigeordneter der Stadt Ahaus, am Beispiel der Stadt Ahaus auf. Genau wie Heiner Farwick betonte er die Verantwortung der Kommunen, aktives Bodenmanagement zu betreiben und den sich ändernden Bedarfen mit innovativen Angeboten Rechnung zu tragen.

Konjunkturprognose für Baubranche alles andere als rosig

Diesen Faden aufgreifend begrüßte NRW-Bauministerin Ina Scharrenbach die Initiative zur Durchführung dieses regionalen Wohnungsgipfels im Kreis Borken ausdrücklich. Man müsse sich ehrlich machen, erklärte sie. Auf der einen Seite gebe es außerordentlich großen Druck, neuen Wohnraum zu schaffen und den Altbestand zu sanieren. Auf der anderen Seite sage die Konjunkturprognose für die Baubranche „eine Vollbremsung“ vorher. Die Gründe dafür seien bekannt, insbesondere gestiegene (Bau-) Zinsen, deutliche höhere (Rohstoff-) Preise, die sich beispielsweise drastisch auf die Kosten für Zement auswirken. Da stehe die Politik im Rahmen ihrer Möglichkeiten in der Pflicht gegenzusteuern. Wie die kommunale Ebene im Westmünsterland in vorbildlicher Weise diese Herausforderungen angehe, habe man gerade gehört.

Vereinfachung von Planungs- und Genehmigungsverfahren

Für das Land stehe vor allem Verlässlichkeit in den rechtlichen Rahmenbedingungen und die Vereinfachung von Planungs- und Genehmigungsverfahren im Fokus. Für eine angemessene öffentliche Wohnbauförderung sei der Bund zuständig, dessen Anfang 2022 gestoppte KfW-Förderung für energieeffiziente Gebäude viele Häuslebauer und Sanierer „wie ein Hammerschlag“ getroffen hätte. Ausdrücklich forderte sie die Bereitstellung ausreichender Fördermittel ein, wie sie auch auf Fragen der Tagungsgäste unterstrich.

Unterschiedliche Blickwinkel auf das Thema

In der abschließenden Podiumsdiskussion beleuchteten Mechtild Schulze Hessing, Bürgermeisterin der Stadt Borken und Sprecherin der Bürgermeisterinnen und Bürgermeister im Kreis Borken, Dietmar Eisele, Vorsitzender des Ausschusses für Wirtschaft, Kreisentwicklung und Digitalisierung des Kreistages des Kreises Borken, Heinrich-Georg Krumme, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Westmünsterland, und Uwe Schramm, Vorstandsvorsitzender der WohnBau Westmünsterland eG, das Tagungsthema aus jeweils unterschiedlichen Blickwinkeln.

Mit effizienter Wohnbauförderung gegensteuern

Von zentraler Bedeutung war es allen, dass der Bund mit einer effizienten Wohnbauförderung gegensteuere und auch rechtlich den Raum für pragmatische Lösungen eröffne. Dies sei mit Blick auf den Bausektor – gerade auch im Westmünsterland eine der bedeutsamsten Branchen mit vielen tausend Arbeitsplätzen und einem Jahresgesamtumsatz von über 1,7 Milliarden Euro (der Spitzenwert in NRW noch vor der Millionen-Stadt Köln) – zwingend geboten. Nicht nur private Häuslebauer hätten mit den gestiegenen Zinsen und Preisen zu kämpfen. Auch Investoren würden gegenwärtig Projekte zurückstellen, da sie ohne öffentliche Förderung wirtschaftlich nicht darstellbar seien. Deutlich werde das auch dadurch, dass die Nachfrage nach Baukrediten drastisch zurückgegangen sei. Ausdrücklich begrüßt wurde, dass das Land den Kommunen inzwischen deutlich mehr Spielraum bei der Ausweisung von Flächen für deren künftige Entwicklung gebe.

Ergebnisse in fünf Grundthesen

Die Ergebnisse der Tagung fasste daraufhin Moderator Dr. Fritz Jaeckel in fünf Grundthesen zusammen:

  • Es müsse in den Ortschaften eine „neue Urbanität“ insbesondere mit neuen Wohnformen und auch kleineren Wohneinheiten entwickelt werden.
  • Bei der angestrebten Verdichtung der Innenbereiche gelte es, diese Entwicklung jeweils quartiersbezogen im Sinne einer hochwertigen Innenstadtarchitektur voranzubringen.
  • Dabei müsse die Bevölkerung frühzeit an den Planungen beteiligt werden, um von vornherein Akzeptanz zu schaffen.
  • Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für Investitionen im Baubereich seien gegenwärtig sehr unattraktiv. Der bestehenden Wirtschaftlichkeitslücke könne in Anbetracht des Ausmaßes nur durch eine effiziente, deutlich verbesserte öffentliche Wohnbauförderung begegnet werden.
  • Das Planungs- und Baurecht müsse von Bund und Land vereinfacht werden. Die Kommunen sollten die ihnen eröffneten neuen raumplanerischen Optionen gezielt nutzen, außerdem ggf. künftige Lenkungsmöglichkeiten über die Grundsteuer C, in dem sie unbebaute baureife Grundstücke durch einen von ihnen festgelegten Hebesatz höher belasten.

Hauptproblem: Große Wirtschaftslücke für Bauvorhaben

In seinem Schlusswort machte Landrat Dr. Kai Zwicker deutlich, dass die aktuelle Situation auf Bundesebene wie auch für den Kreis Borken sehr transparent geworden sei. Es sei erkennbar geworden sei, wie sehr die Verantwortlichen im Westmünsterland die Sorgen der Bürgerinnen und Bürger sowie der gesamten Baubranche ernstnehmen und dass das Hauptproblem in der gegenwärtigen großen Wirtschaftlichkeitslücke für Bauvorhaben liegt. Das Bauen müsse vor allem für Familien bezahlbar bzw. leistbar bleiben und für Investoren wirtschaftlich interessant. Andernfalls gebe es auch kein bezahlbares Wohnen. Alle im Bau- und Immobiliensektor tätigen öffentlichen wie privaten Akteure seien aufgerufen, in ihren Bereichen verstärkt daran zu arbeiten, dass sich die Kosten vergünstigen und die Finanzierbarkeit erleichtert wird.

Bauliche Lösungen müssen zur Region passen

Wichtig ist es laut Landrat zudem, dass die baulichen Lösungen auch zur Region passen. So bedürfe es einer jeweils gezielten Quartierentwicklung in den Kommunen. Der Kreis Borken sei eben keine Region der großen „Mietskasernen“. Klar sei: Um Privatinitiative zu fördern, sei eine verbesserte Wohnbauförderung durch Bund und Land in Anbetracht der Größenordnung der Wirtschaftlichkeitslücke unabdingbar.. Die Ergebnisse des Wohnungsgipfels würden nun sicherlich wichtige Impulse für die vertiefte Diskussion der jeweils örtlichen Situation in den einzelnen Städten und Gemeinden im Kreisgebiet liefern.

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